Lizenzrennen Mai bis Juni 2010:
Hessenmeisterschaften Straße in Auringen, Zeitfahren Schmelz/Lollar und "Rund im Odenwald"

Nach längerer Abstinenz wollte ich mich dieses Jahr mal wieder bei "klassischen" Lizenz-Straßenrennen versuchen.

1. Rennen: Hessenmeisterschaften Straße in Wiesbaden-Auringen, 2. Mai 2010

Ich will nach 1 1/2 Jahren Rennpause mal antesten, wie es sich anfühlt, im Pulk um die Ecken zu fegen. Also warum dazu nicht gleich die Hessenmeisterschaften nehmen? Da bin ich als RSC Wiesbaden-Fahrer eh' automatisch angemeldet. Allerdings stellt sich heraus, dass ich trotz mittlerweile 40 Jahren in der Eliteklasse und nicht bei den Senioren II starten muss, weil ich eine C-Lizenz gezogen habe. Wahlmöglichkeit gibt's nur, wenn man eine Seniorenlizenz wählt. Ich hatte es genau andersrum gedacht, war aber im Irrtum. Also darf ich mich gleich im ersten Rennen mit 20 bis 30-jährigen ABC-Elitefahrern rumschlagen und 13 statt 7 Runden fahren.

Zu allem Unglück regnet es auch noch zunehmend stärker, als ich zusammen mit Reni mit dem Rad von Mainz aus anradle. Gestern hat es die Starter beim Frankfurt/Eschborner Radrennen auch schon bös erwischt. Den Start dort habe ich mir dieses Jahr immerhin erspart. Egal jetzt – da ich spät dran bin, bleibt nicht viel Zeit, es sich jetzt noch anders zu überlegen.

Ich fahre mit Windjacke über dem Trikot los und versuche, in den ersten Kurven nicht zu weit nach hinten zu wandern. Es geht gleich ordentlich zur Sache, wie nicht anders zu erwarten. Nach 2, 3 engen Kurven im Ort steigt die Straße zuerst flach an, dass kommt der berüchtigte, immer steiler werdende Anstieg zur Hockenberger Mühle. Gleich beim ersten Mal fällt jemandem vorne die Kette runter oder was weiss ich: mitten im Anstieg kommt es zum Halt unter lautem Fluchen der Fahrer. Wieder antreten, versuchen nach vorne zu kommen, dann die Abfahrt nach Kloppenheim auf holpriger Straße. Ich hatte mir die Runde vor ein paar Tagen mit Roland angeguckt und gleich gewusst, dass ich hier Probleme kriegen werde. So ist es auch: bergab werde ich mal wieder reihenweise überholt, vor der 90°-Kurven unten bremse ich viel zu viel und muss dann alles geben, um an der auseinandergezogenen Kette von Fahrern wieder halbwegs nach vorne zu kommen.

Zum Glück gelingt das einigermaßen, am folgenden kleineren Anstieg hinter Hessloch ist das Tempo gemäßigt, ich gelange ganz nach vorne und damit halbwegs glimpflich in die Abfahrt nach Auringen zur ersten Zieldurchfahrt nach knapp 10 km. Trotzdem, nervenaufreibend ist das schon und die nächsten Runden wird es kaum besser werden runter nach Kloppenheim.

Wenn hinten im Pulk der Stress zu groß ist, hilft nur eins: die Flucht nach vorne. Also nutze ich wieder den Anstieg nach Hessloch – die Abfahrt nach Kloppenheim und der anschließende Sprint waren wieder der reine Horror für mich –, der aus irgendwelchen Gründen rätselhaft langsam gefahren wird, und fahre vorne ein bisschen raus. 2 oder 3 Fahrer kommen mit, auch runter ins Ziel bleiben wir vorne, dann werden wir eingefangen. 3. Runde also noch ein Versuch, diesmal sehe ich Tim Uhl vorne das selbe machen, ich fahre zu ihm und setze mich davor, wir kriegen eine kleine Gruppe zusammen, das könnte doch was werden. Aber nach der Abfahrt hängt nur noch einer hinter mir und bleibt die folgende Runde da auch hartnäckig kleben, ohne auch nur einmal selbst zu führen. Wo Tim und die andern geblieben sind, weiss ich nicht. Toll! Bis zur Kloppenheimer Mühle kommen wir noch, dann rauscht das Feld von hinten ran, ich habe nach den 6 km allein im Wind keine Körner mehr und komme schon den Berg nicht mehr besonders hoch, runter werde ich komplett abgehängt und nach der Kurve bin ich allein auf weiter Flur, das Feld 100 Meter unerreichbar vor mir und bald trotz aller Anstrengung ausser Sichtweite.

Das war's für's Erste. 1 oder 2 Runden fahre ich alleine, dann kommen von hinten 3 Fahrer an, wir bilden ein Grüppchen, wechseln uns ab und gondeln so bis etwa Runde 9 weiter. Bergauf wird's recht gemächlich, ich fahre immer vor und warte dann oben, bis der Rest nachkommt, aber in der Ebene ist es gemeinsam doch leichter. Und bergab werde ich wenigstens nicht abgehängt. Dann kommt von hinten der Führende des Rennens angerauscht, Sascha Wagner. Der fährt ganz allein vorm Feld her und hat uns schon überrundet! Jetzt wird mir das Grüppchen doch ein wenig zu lahm – ich will das Rennen ja zu Ende fahren! Eigentlich waren mir die 3 anderen sowieso die ganze Zeit ein bisschen zu langsam. Bevor auch noch der Rest anrückt, reisse ich an der Hockenberger Mühle aus und erreiche nach 2 Runden nochmal 2 weitere Fahrer, mit denen ich das Rennen dann zu Ende fahre und am Schluss sogar noch einen kleinen Sprint mache, mittlerweile in strömendem Regen bis hin zum Hagel. Da das Feld kurz davor ist, uns zu überrunden, wird das Rennen für uns um 1 Runde verkürzt.

Immerhin werde ich damit gerade noch so gewertet – 21. Platz, mehr habe ich in Elite-Rennen ausser im Zeitfahren eigentlich nie gepackt. Das Feld muss wohl ziemlich geschrumpft sein, viele haben bei dem schlechten Wetter aufgegeben. Das vorherige Grüppchen und noch weiter zurückliegende Fahrer tauchen gar nicht mehr im Ergebnis auf. Gar nicht so schlecht eigentlich nach der langen Pause mit Bandscheiben-OP und null Rennen. Nur schade, dass es mit den Abfahrten ausser in kleinen Gruppen nach wie vor nicht klappt. In einer Gruppe vor dem Feld statt dahinter könnte das vielleicht irgendwann mal besser funktionieren...

Ergebnis: 21. Platz in der Elite A/B/C-Klasse

Florian Stosius, den ich immer wieder vor allem bei Zeitfahren in der Region treffe, ist 4. geworden! Aber damit wahrscheinlich weniger zufrieden als ich. Mein Teamkollege Matthias Hofacker hat es geschafft, im geschrumpften "Feld" zu bleiben, und ist 17. geworden.


2. Rennen: Zeitfahren Schmelz bei Lollar, 5.6.2010

Nachdem es dem Rücken besser geht, bin ich im Training neben längeren Strecken (u.a. der 300km-Marathon Rockenhausen) verschiedentlich mit dem Zeitfahrrad gefahren und habe dabei viel Spaß gehabt. Jetzt wäre ein EZF gerade recht! Leider findet der Schmolke Zeitfahrcup dieses Jahr nicht statt, aber ich werde einen Monat nach der HM auf der Suche nach Zeitfahren in der Nähe von Gießen beim sog. Radcup Mittelhessen fündig.

Allerdings stellt sich schnell heraus, dass das Zeitfahren dort weder ein richtiges, flaches Einzel- noch ein Bergzeitfahren ist. Nach Studium des Höhenprofils der 11,5 km langen Strecke komme ich dann doch zum Schluss, dass das normale Rennrad die bessere Alternative ist, zumal das Sträßchen im Wald sehr schlechten Belag haben soll.

Im Zug via Frankfurt lerne ich noch einen Mitstreiter, Oliver, kennen, mit dem zusammen ich die paar km zum Start radle. Das Wetter ist diesmal gut, ich bin bester Laune und fühle mich recht fit. An der Startrampe werde ich gleich von Organisationsmitgliedern aus Schotten erkannt und angespornt. Erstaunlich aber, dass doch ziemlich viele mit Zeitfahrausstattung antreten, obwohl es ja größtenteils bergauf geht.

Countdown und los! Die ersten 500m sind flach, aber zwischen hohen Kornfeldern winklig und uneinsehbar – es wäre sicher von Vorteil gewesen, zu wissen, wie es hinter den 2 engen Kurven weitergeht! Ich bremse etwas zuviel, bin aber flott unterwegs und froh, als es bergauf in den Wald geht. Nach ein paar Metern abwärts wird es dann richtig steil, erstmals wird das kleine Kettenblatt nötig, und ruck-zuck habe ich den ersten Starter vor mir überholt. Weiter geht's, bald sehe ich noch einen vor mir. Ich fahre ohne Pulsmesser, bin aber subjektiv am Limit und fühle mich gut, das müsste eine ordentliche Platzierung geben!

Nachdem ich auch den Nächsten überholt habe, flacht der Kurs ab, die Schlaglöcher in der schmalen Straße werden bei Tempo zwischen 35 und 45 km/h zunehmend zu einem Problem. Jetzt geht es schon deutlich runter, ich versuche den Druck auf dem Pedal konstant zu halten und zumindest nicht zu arg durch die Löcher zu rasseln. Die Strecke ist ansonsten aber gut zu fahren, es gibt keine Kurven, selbst ich kann hier alles voll fahren. Noch 3 km, noch 2, dann fällt der Tacho durch das Geholpere aus, die Fassung hat einen kleinen Wackelkontakt. Der Wald öffnet sich, vorne ist der Zielbogen, nochmal ein Sprint und das war's.

Nach der Zieldurchfahrt in Gleiberg werden wir weitergewunken, der Rückweg nach Lollar-Salzböden ist ausgeschildert. Unterwegs quatsche ich mit einem Zeitfahrrad-Fahrer aus Mannheim, der wohl von der Bergigkeit der Strecke etwas überrascht wurde. In Lollar treffe ich dann auch bald Oliver aus dem Zug wieder. Jetzt müssen wir eigentlich nur noch auf die Siegerehrung warten, doch zu meiner Überraschung teilt man uns mit, dass die im Ziel stattgefunden habe! Meine Platzierung weiss hier auch niemand. Auch den gewohnten und geliebten Kaffee und Kuchen nach dem Rennen gibt's hier nicht, sondern in Lollar Stadt, wo später am Nachmittag noch ein Kriterium stattfindet. Auf Anraten eines Orga-Menschen fahren wir dorthin, da zumindest die Preisgelder auch dort verteilt werden würden, aber am Bürgerhaus ist noch kein Mensch. Wir geben es auf, essen dort zu Mittag und fahren dann gemeinsam mit dem Rad nach Hause – Oliver muss nach Idstein, so können wir gut zusammen fahren. Es wird dann noch eine richtig schöne Tour bei Sonnenschein, 107 km bis nach Hause für mich. Mit der Anfahrt, dem Rennen und allem werden es so 160 km, da hat sich der Tag ja schonmal gelohnt.

Erst am nächsten Tag erfahre ich dann mein Ergebnis: leider bin ich nur 10. geworden, trotz Schnitt von 37,85, mit einer Minute Abstand auf den Sieger, Moritz Schütz. Habe ich doch so viel Zeit bei der Abfahrt verloren? Immerhin kann ich mich damit trösten, dass auch der Gewinner der Hessenmeisterschaft, Sascha Wagner, nicht schneller als ich war. Trotzdem, für die Bergmeisterschaften lässt das nichts Gutes erahnen!


3. Rennen: Rund im Odenwald, Erbach, 12.6.2010

Jetzt will ich es noch einmal bei dem Rennen probieren, das ich zu Beginn meiner "Lizenz-Karriere" vor knapp 10 Jahren am häufigsten gefahren bin, nämlich 3x. Ein sehr schöner Kurs, eine große Runde durch den Odenwald mit unzähligen Anstiegen und einer kernigen Bergankunft zum Schluss. Leider hatte ich schon damals immer mit den Abfahrten so meine Probleme. Aber 2 Wochen vor meinem ersten Saisonhöhepunkt, Kaunertaler Gletscherkaiser und Dreiländergiro in Tirol, brauche ich eine ordentliche Vorbelastung, und ich möchte mal sehen, ob ich nicht mittlerweile doch etwas zäher geworden bin.

Am meisten Angst habe ich vor einem Massensturz, also gilt es, möglichst schnell ganz nach vorne zu gehen und dann zu sehen, wie lange das klappt. Nach der Abgabe des Rucksacks bei den netten Mädels an der Anmeldung stelle ich mich also schön weit vorne auf und verzichte auf die frühere Warmfahrerei – bei den Temperaturen – sonnige 24-28 Grad – kann ich mir das sparen. Leider kommen noch mehr auf die Idee, und so stehe ich doch eher in der zweiten Hälfte als wirklich vorne.

Start und Stopp

Start – und nach nicht mal 500 m gibt's das erste Gebrüll: an einer kleinen Welle noch im Ort kommt der halbe Pulk zum Stehen, wieder mal hat jemand sich verschaltet und alles ausgebremst. Meine Güte, muss man denn wegen 5 Höhenmetern schalten? Ich hatte schon vorher auf's große Blatt geschaltet, aber nachdem ich stehen bleiben musste, kann ich jetzt damit an dem kleinen Anstieg nicht mehr losfahren, ich muss im Stand vorne und hinten runterschalten, bevor ich mich in Bewegung setzen kann! Das verschafft mir soviel Wut und Adrenalin, dass ich bei der Aufholjagd des durch die ganze Aktion bereits völlig auseinandergezogenen Feldes gleich in einem Schwung bis ganz an die Spitze rausche, wo's mittlerweile bereits richtig den ersten Berg hochgeht.

Erster Berg, erste Gruppe

Das tut jetzt schon ordentlich weh, aber lieber fahre ich mich gleich jetzt kaputt, als die erste Abfahrt im Pulk in Angriff nehmen zu müssen! Vorne wird verbissen gearbeitet, um das Tempo gleich von Anfang an hoch zu halten, trotzdem setzt sich ein Fahrer auf einem Cervélo – Jens Volkmann, den ich bis dahin nicht kannte, aber seitdem noch viel gehört habe – noch ein Stück ab. Was macht der denn da, ist der verrückt? Mit zusammengebissenen Zähnen kämpfe ich mich bis neben ihn voran, er meint recht unangestrengt: "Na, noch einer, der sich vorne wohler fühlt?" Ich kann nur "Ich mag halt keine Abfahrten" hervorstoßen, dann gehe ich lieber wieder hinter ihn. Immerhin, ich halte das mörderische Tempo bis oben durch und gehe als Zweiter in die halsbrecherische Abfahrt, wo ich meinen Platz mit Ach und Krach behaupten kann. Nachdem wir uns unten sortiert haben, ist klar, dass sich damit die erste Gruppe des Tages, mit rund 15-20 Fahrern, gefunden hat. Auch Florian Stosius ist mit dabei, was mich freut, und ihn anscheinend auch.

Es beginnt eine Berg- und Talfahrt, die es in sich hat. Bergauf kann ich ja zunächst immer ganz gut mithalten, aber mir fehlt die Erholung bergab und auf den wenigen Flachstücken. Wir fahren eigentlich immer Vollgas. Bei den Abfahrten und Ortsdurchfahrten verliere ich ein paar Mal den Kontakt, kann nur mit schmerzhafter, minutenlanger Anstrengung grade so wieder an den letzten der Gruppe ranfahren, wo ich dann bald schon wieder führen muss, da wir komplett im belgischen Kreisel rotieren. Zum Glück wartet Florian ein oder zweimal etwas auf mich, überbrückt den Abstand ein wenig. Mehrmals werden auch andere mit abgehängt, so dass wir zu zweit oder dritt wieder ranfahren können, aber es ist immer ein Kampf, den ich nicht ewig so aushalten werde.

Bergwertung

Na ja, vielleicht kann ich dann wenigstens noch auf die Bergwertung Otzberg bei Kilometer 36 setzen? Denke ich kurz vorher noch, aber schon im Ort Otzberg verliere ich mal wieder in einer Kurve den Kontakt, komme dann aber ums Verrecken nicht näher ran, als die Straße immer steiler nach oben steigt. Vorne fährt einer wie entfesselt voran (wieder Jens Vollmann), die Gruppe fällt auseinander, ich komme fast als Letzter der verbliebenen 15 oben an. Das war wohl nix! Zum Glück sammelt sich alles oben wieder, das Tempo wird für einen Moment erträglich; Zeit, die Atmung endlich mal wieder unter Kontrolle zu bringen. Und genau das nutzt Volkmann, um bergab zu attackieren – perfekt! Wie die meisten denke ich nur "Was soll das jetzt?" und reagiere überhaupt nicht, nur einer versucht zu folgen, gibt aber bald auf und lässt sich zurückfallen. Wir nehmen wieder Tempo auf, alles geht so weiter wie zuvor. Ich habe den Flüchtling völlig vergessen, und als eine Motorradeskorte uns zuruft: "2:00 nach hinten, 1:20 nach vorne", frage ich Florian verdattert: "Nach vorne?" und lasse mir ins Gedächtnis zurückrufen, dass ein Fahrer immer noch vor uns ist.

Vom Rest ist nicht viel zu erzählen. Wir rasen weiter durch den Odenwald, mit noch 10 oder 12 Mann, wobei nur 5 oder 6 sich richtig an der Spitze abwechseln, vor allem Florian arbeitet viel, und auch ich wage mich vorne in den starken Gegenwind, weil ich Angst habe, sonst, wenn ich am Ende der Gruppe fahre wie einige "Drückeberger", bei der nächsten Abfahrt oder Ortsdurchfahrt den Anschluss zu verlieren. Florian schimpft über das schlechte Funktionieren der Gruppe, aber wenn sie besser liefe, hätte ich vielleicht noch größere Probleme, denn mittlerweile werden auch die Anstiege immer schwerer für mich. Vor allem ein Fahrer ärgert aber auch mich, an jedem kleinen Anstieg geht er nach vorne und zieht das Tempo an, doch in der Ebene ist er nie zu sehen, ich könnte ihn vom Rad schubsen. Als er sich nach einem Berg wieder nach hinten verkriechen will, pflaume ich ihn an: "Jetzt kannst Du ruhig auch mal im Wind fahren!" und setze mich hinter ihn. Niemand hat Lust, ihn abzulösen, aber schließlich wird es uns doch zu langsam, also muss ich wieder nach vorne.

Die letzten 300 Höhenmeter Quälerei: Der Schlussanstieg

Kurz vor Erbach haben wir 2:40 Minuten auf das Hauptfeld hinter uns gutgemacht, aber Volkmann uns unglaubliche 4 Minuten nach vorne abgenommen! Wie ist das möglich, wir quälen uns mit 5-6 Mann abwechselnd im Wind, und er fährt uns einfach so alleine davon???

Es geht nochmal eine lange Abfahrt nach Erbach runter, bevor der Schlussanstieg nach Bullau kommt, und zum ersten und einzigen Mal heute sinkt der Puls unter 150, ja, wir rollen ganz locker runter. Jeder drückt sich ein Gel rein, trinkt was, schüttelt die Beine aus, ich versuche den schmerzenden Rücken einigermaßen zu lockern. Hinten muss man bremsen, also fahre ich lieber ganz vorne, und so geht es durch den Ort hindurch. Ich nach fast 100 km an der Spitze bei einem Lizenzrennen, das hat's auch noch nicht gegeben! Na gut, an 2. Position, denn Volkmann ist ja längst durch.

Und schon ist's damit aus, denn sobald es aus dem Ort raus geht, schießen auch schon 2 vorbei, alles sprintet, rettet, flüchtet, aber meine Beine sind total leer, grade jetzt nach dem Runterrollen. Ich verliere sofort den Kontakt. Ich sehe Florian, auch er ist abgehängt, bleibt aber im Gegensatz zu mir in Sichtweite der anderen. Ich kurbele irgendwie weiter, plötzlich taucht einer der beiden, die eben losgesprintet sind, stehend am Rand auf: der hat sich wohl überschätzt. Florian entfernt sich stetig, dazwischen ist noch einer, dem ich kaum näher komme. Dann unerwarteterweise nochmal ein längeres Flachstück, daran hab' ich mich nicht mehr erinnert von früher, hier nehme ich Fahrt auf, und damit kann ich, als direkt danach die eklig steile kleine Straße im Wald zum Ziel hochsteigt, den vor mir doch noch überholen, der im Flachen irgendwie Mist gebaut haben muss, vielleicht hat er sich verschaltet. Aber jetzt falle ich fast vom Rad, mit meinen 34/23 bleibe ich auf den letzten 100 Metern bergauf beinahe stehen, ist das wirklich so verdammt steil hier? Kommt der jetzt noch von hinten? Ich traue mich nicht zu gucken, schleppe mich mit letzten Kräften keuchend wie eine Dampfmaschine zum Zielbogen und werde hinter Florian Achter

Einige Daten: 102 km mit 1790 Höhenmetern in 2:47 Stunden => Schnitt bis Erbach 37,2, bis oben 36,3. Und ein Durchschnittspuls von 173!


Bilder © Thomas Laut, http://suedhessenfotos.de
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