Deutsche Meisterschaften Berg 2017 in der Rhön

Erst abgehängt, dann Soloflucht

Nachdem die Deutschen Bergmeisterschaften 2017 erneut nicht als Berg(zeit)fahren, also mehr oder weniger nur bergauf, sondern als Straßenrennen auf einem Rundkurs ausgetragen wurden, habe ich lange gezögert, ob ich mir das überhaupt antun soll. Aber eine DM ist halt schon was besonderes, und der Kurs in der Rhön sollte mit 4 Runden á 17km und 400 Höhenmeter = 67,5km/1600hm hart und selektiv genug sein. Also habe ich es dieses Jahr nochmal probiert, ohne mir erstmal allzu große Hoffnungen auf ein Topergebnis zu machen. Wo's raufgeht, geht's halt auch wieder runter, und damit habe ich zumindest im Pulk oft so meine Probleme.

Nach den 20km Hinrollen vom Bahnhof in Fulda war mir bei dem schwülen Wetter schon ordentlich warm, so dass ich auf weiteres läeres Warmrollen verzichtete und mich bald mit meinem Vereinskollegen Tim ganz vorne an der Startlinie aufstellte, die an der Kuppe eines kleinen Hügels aus dem Ort Elters heraus lag. Nach dem Start ging's dann flach runter und nach einer scharfen Linkskurve – schon war ich wieder ein gutes Stück nach hinten gewandert – leicht ansteigend zum ersten Berg. Wie erwartet wurde flott, aber nicht extrem hoch gefahren, es war kein Problem für mich nach vorne zu kommen. Gegen Ende des Anstiegs (3,1km mit durchschnittlich 7%) wurde es tatsächlich mit ca. 12% ordentlich steil. Ich überquerte die Kuppe mit der Bergwertung (die bei uns Senioren aber leider nicht ausgelobt war, schade) als erster und versuchte mich bei der folgenden rasenden Abfahrt so lange wie möglich vorne zu halten – vergebens: etliche gingen wieder mal an mir vorbei, da ich ihnen zu langsam runterfuhr. Genau diesen Abfahrtsstress kann ich absolut nicht leiden!

Am Beginn des zweiten, leichteren Bergs war ich schon wieder ziemlich weit hinten, konnte mich irgendwie einigermaßen nach vorne arbeiten, aber die Straße wurde immer schmaler, eher ein asphaltierter Waldweg, die Steigung zu schwach – ganz an die Spitze schaffte ich es nicht. Und da kam auch schon die Abfahrt, immer noch auf dem schmalen Sträßchen, und jetzt hatte ich richtig zu kämpfen um nicht abgehängt zu werden! In der scharfen Linkskurve im Ort Langenberg, wo es wieder auf eine größere Straße geht, passierte es dann: ich verlor den Anschluss um ein paar Meter und kam in der folgenden steileren Abfahrt und auch im flacheren Teil Richtung Ziel nicht mehr ran! Ich hätte heulen können. In den Zielort Elters fuhr ich dann schon mit rund 30sec Abstand rein und sah den Pulk bei der ersten Zieldurchfahrt in den Gegenwind hinein entschwinden.

Jetzt könnte ich das Rennen eigentlich beenden, wie sollte ich da wieder rankommen?! Tatsächlich nahm ich nach dem Ziel kurz raus, dann dachte ich mir: bin ich denn für 17km den weiten Weg gekommen (und habe ein anderes, reines Bergrennen am nächsten Tag deswegen sausen lassen, zu dem ich es jetzt wahrscheinlich auch nicht mehr schaffen würde)? Ich beschloss mindestens noch eine Runde als Zeitfahren zu nehmen, legte mich auf den Lenker und hielt die Intensität hoch. Zu meinem Erstaunen schien mir der Pulk schon auf den 2km bis zur Kurve näher zu kommen, und tatsächlich holte ich ihn nach einem weiteren km noch zu Beginn des flacheren Teils des Anstiegs ein und hängte mich mit hängender Zunge hinten rein. Nach den 8min Aufholjagd konnte der Puls so doch mal kurz auf 160 runtergehen und ich überlegen, was jetzt zu tun war.

Anscheinend waren alle 60-70 Fahrer wieder zusammen, keine Ausreißer zu sehen, das Tempo eher bummelig (wie hätte ich sonst so schnell 30sec Abstand aufholen können?) – das hatte doch so überhaupt keinen Sinn! Ich hatte absolut keine Lust, das gleiche Spielchen jetzt nochmal mitzumachen, dann doch lieber gleich allein fahren! Also nutzte ich schon nach gerade mal 20sec im Windschatten der Gruppe eine Lücke rechts, auf der windzugewandten Straßenseite, und beschleunigte am Pulk nach vorne und direkt weiter raus konstant mit Zeitfahrgeschwindigkeit und Puls im roten, aber nicht ganz maximalen Bereich.

Ich hatte eigentlich erwartet, dass das mindestens zu einer Tempoverschärfung im Feld oder ein paar Mitausreißern fährt, aber es passierte: nichts.

55km allein unterwegs

Auch gut, fahre ich halt weiter! Jetzt wurde die Steigung steiler, halb rechnete ich damit, dass ich selber einbrechen könnte und zumindest paar andere vorbeistürmen würden, aber der Blick nach hinten zeigte, dass das Feld bereits mindestens 200m entfernt war und immer noch zusammen fuhr. Offenbar nahm meinen Angriff niemand ernst. Ich dagegen fühlte mich weiter super, die Beine waren okay, Puls hoch aber erträglich – so kann ich eine ganze Weile fahren. Wollen doch mal sehen, ob ich nicht wenigstens bis zur 2. Zieldurchfahrt vorne bleiben und mich ein bisschen bejubeln lassen kann!

Vor der Kuppe kam schon das Begleitmotorrad zu mir und gab mir meinen Abstand durch: 20 Sekunden. Nicht schlecht! Die Abfahrt ging alleine ordentlich, 2. Berg (40 Sekunden Abstand, das Anfeuern der Zuschauer tut gut!), 2. Abfahrt, rein in den Ort, Zieldurchfahrt mit Lautsprecherdurchsagen über den aktuellen Stand mit weiterhin 40 Sekunden Abstand. Hinter mir tatsächlich niemand zu sehen!

So langsam fing ich an drüber nachzudenken, ob das wohl weiter klappen könnte... Die Flachteile und auch die kleinen Kuppen wie am Ziel liefen weiterhin ganz gut, aber an den Anstiegen musste ich schon immer mehr die Zähne zusammenbeißen. Die 2. Runde komplett alleine war ich fast 1:30 min schneller gefahren als die erste, die ich noch größtenteils im Pulk war – das konnte ich ja wohl nicht ewig durchhalten! Die Pulswerte waren extrem, trotzdem ging das Tempo bergauf runter. Erholungsphasen gab es eigentlich gar keine, da selbst bergab der Puls nicht mehr unter 170 kam. Durchschnittspuls war nach der 1. Runde im Pulk, wo er noch auf vergleichsweise erträglichen 163 gelegen hatte, bald auf 170, schließlich sogar 174 gestiegen! Die 3. Runde verging ansonsten wie im Fluge und immer noch schneller als die erste. Mehrmals kamen Begleitautos und –motorräder an meine Seite und gaben den Abstand durch, der jetzt auf 1:10min angestiegen war! Also quälte ich mich weiter, am 2. Berg jubelten etliche Zuschauer, die dort zum Flaschenreichen für ihre eigenen Helden standen, während der Lautsprecherwagen vorausfuhr und mich als Ausreißer auf dem Weg zum Ziel durchgab.

Die 4. und letzte Runde begann! Immer noch fuhr ich alleine durch den Zielbogen, hinter mir war nichts zu sehen. Jetzt wurde es zunehmend hart. Ich sagte mir, wenn bis zum 1. Berg mein Abstand noch steht, kann ich vielleicht ein kleines bißchen rausnehmen. Leider erschrak ich, als der Begleitfahrer noch vorher nur noch 20 Sekunden meldete! Also nochmal das Letzte rausholen! Kurz danach hieß es dann 50 Sekunden – das wäre ja enorm! Kann ich mich auf die Angaben denn verlassen? Ich merkte ja deutlich, dass ich den Berg jetzt wirklich nicht mehr sehr schnell hochkam (fast 1min länger für die 3km als in meiner 2., schnellsten Runde laut strava), die Trinkflasche war auch fast leer. Noch einmal Zähne zusammenbeißen am 2. Berg und irgendwie hochquälen! (9:03 bei Puls 180(!) gegenüber 8:28 in der 2., aber auch 9:04(!) bei grade mal Puls 163 in der ersten Runde!). Letzte Zeitansage: 40 Sekunden! Das muss doch reichen!!!

Euphorisiert ging ich in die letzte längere Abfahrt (die manche heute mit max. über 100km/h runterfahren! Ich fand meine 87,5 auch schon ziemlich schnell...). Mittendrin hatte ich nochmal eine Schocksekunde, als mir in Langenberg hinter dem Führungsfahrzeug bei Tempo 60 eine Katze ins Rad laufen wollte und ich scharf bremsen musste, bevor es auf den steilsten Abfahrtsteil ging.

Schon kam die flachere Gerade Richtung Elters. Ich drehte mich nochmal um, konnte aber hinter mir nur die 2 Polizeimotorräder mit Blaulicht erkennen. Ortseinfahrt! Wie soll ich ins Ziel fahren als neuer Deutscher Bergmeister – zum ersten Mal in meinem Leben? Wie wär's mit einem Fingerzeig auf die Beine, nach über 50km alleine vorm Feld?

In dem Moment zischt links an mir ein Radfahrer vorbei! Huh! Wo kommt der jetzt her? Ich hab mich doch eben noch umgedreht??? Und er trägt eine Rückennummer, kein Hobbyradler, der sich mal schnell auf die Rennstrecke geschmuggelt hat! Als ich endlich nochmal richtig Gas gebe und schon ohne Hoffnung hinterhersetze – das 500m-Schild ist schon passiert – gehen rechts noch 2 oder 3 vorbei, ich kriege schon nichts mehr mit, versuche irgendwelche letzten Kräfte zum Zielstrich hoch zu mobilisieren, dessen Durchfahrt ich mir grade eben noch so triumphal vorgestellt hatte... Fahre aber 1sec langsamer als in der letzten Runde hoch, als ich gar nicht sprinten musste — die Beine sind wirklich einfach leergefahren...

Selten bin ich so enttäuscht gewesen, so plötzlich von Wolke 7 auf absolut Null runtergekühlt worden.

Noch vor dem Rennen hätte ich kaum mit einer Top 5 Platzierung gerechnet, nach der 1. Runde wollte ich schon aufgeben; als ich meine Soloattacke begann, hatte ich auch noch nicht viel Zählbares erwartet — aber die letzten 35km hatte ich mich immer mehr in eine Siegzuversicht reingesteigert, die jetzt 300 Meter vor dem Zielstrich komplett zunichte gemacht wurde. Am Ende fehlten mir 5 Sekunden zum Sieger, Platz 4 und damit nicht mal Treppchen, während das Hauptfeld erst über 3min nach mir ins Ziel rollte.

Ich werde noch eine Weile brauchen um zu begreifen, wie das mit den 40sec Abstand noch am letzten Berg zusammenpassen kann. Letzten Endes könnte schon die Katze in der Abfahrt den Ausschlag gegeben haben, ob ich noch eingefangen werden konnte oder nicht. Und hätte ich gewusst, was da von hinten naht, statt 3km vor dem Ziel vom Sieg zu träumen, wäre ich vielleicht doch noch ein bisschen flotter gefahren am Ende...

P.S. Nachtrag: Analyse

Wir haben ja heutzutage doch ganz nette Mittel zur Auswertung an der Hand. Mittlerweile haben auch andere Teilnehmer des Rennens ihre Aktivität auf strava eingestellt, u.a. der Dritte, der mich mit den andern beiden kurz vorm Zielstrich eingeholt hat, so dass ich jetzt im Nachhinein mittels strava fly-by ganz gut verfolgen kann, wie mein Rennverlauf im Vergleich zum Pulk und den Dreien war, die sich da anscheinend doch kurz vor Ende heraus nach vorne zu mir aufgemacht haben. Die schwarze Linie zeigt meine Fahrzeit auf dem Kurs als Referenz, die bunten Linien sind die anderen Fahrer.

Man erkennt schön mein Zurückfallen aus dem Pulk in der langen Abfahrt am Ende der 1. Runde (die bunten Linien erhalten bis 30sec Vorsprung), wie ich zu Beginn der 2. Runde recht schnell wieder Kontakt erhalte, ganz kurz zusammen mit dem Rest fahre und dann ruck-zuck einen Abstand von etwa 25 sec rausfahre. Der schrumpft nach der Abfahrt vor Beginn der 4. Runde tatsächlich schonmal auf rund 20sec. Diese Durchsage gab es mal kurz, etwas später hieß es dann wieder 50 Sekunden, was ich für eine Fehlmessung hielt, aber so schnell wechselt der Abstand tatsächlich, am Berg wächst er sogar nochmal auf über 60 Sekunden an! Dann geben die anderen (wie man in der Detailansicht der letzten Runde gut erkennt) aber deutlich mehr Gas, vor allem im oberen Teil des ersten und im unteren des zweiten Berges, sind oben also bis schon bis auf 30 Sekunden heran — und den Rest fährt der Dritte (hellblaue Linie) dann wirklich bis ganz knapp vor Ende raus und erhält so die 5sec. Vorsprung im Ziel!

Ich hätte also den 1. Berg der letzten Runde doch noch etwas extremer fahren müssen und vor allem die letzten 3 flacheren km volle Pulle, um eine Chance zu haben, am Ende noch ein paar Sekunden ins Ziel zu retten...

Was ergibt die Auswertung noch? 76,3km, 1500 Höhenmeter laut Tacho (sind aber eher 1600) in 1:58h, macht Schnitt 34,25km/h; Durchschnittpuls 174 (von der 2. Runde bis Ende, also 89min lang, sogar 178!), Maximalpuls 189 – bei der Zieleinfahrt im Versuch, den Schaden zu begrenzen.

Doch ganz schön anstrengend, was ich so richtig erst die nächsten 3-4 Tage merkte, die ich zur Erholung brauchte!

Cosmas Lang