Kaunertaler Gletscherkaiser 2008

Das Material ist in Ordnung, der Fahrer marode

Letztes Jahr hatte ich ja ein paar kleine Probleme mit dem Hinterrad (zuwenig Luft wegen Schleicher), 2 Jahre zuvor sogar einen gerissenen Schaltzug – dieses Jahr sollte alles glatt gehen.

Seit ich mir letzten Sommer vor dem Nürburgring das Cervélo aufgebaut hatte, war mir damit ja eine Bestzeit nach der anderen gelungen: Sieg & Streckenrekord bei Bergzeitfahren in Schotten, Hallgarter Zange und Frauenstein; Podestplätze bei den SW-Meisterschaften EZF, Nürburgring, Henninger Turm... Jetzt könnte vielleicht bei meinem Lieblingsrennen in den Alpen nach 2 Jahren mal wieder ein Treppchenplatz rausspringen.

Seit einigen Wochen wies die Form stetig nach oben; während ich beim Henninger Turm am Ende noch ziemlich nachließ, liefen die knapp 600 km in der Provence eigentlich ganz gut, von Magenproblemen in der Nacht abgesehen. Zuletzt war es mir gelungen, an meinem "Hausberg" Hausen vor der Höhe eine neue private Bestzeit aufzustellen: 10:49 Minuten. Danach war mir zwar ein Sturz vor 2 Wochen in die Quere gekommen; aber schon nach einer Woche war ich wieder komplett im Training und zuversichtlich, dass der mich nicht wesentlich zurückgeworfen hatte.

Nur das Wetter sah in der Woche vor dem Trip in die Alpen alles andere als vielversprechend aus, so dass es Mühe kostete, Reni zum Mitkommen zu bewegen, statt die Startgebühren in den Wind zu schreiben. Aber ich vertraute darauf, dass die Voraussagen für eine Wetterverbesserung ab Sonntag stimmen würden. Also fuhr ich mit Reni recht optimistisch gen Alpen, hatte allerdings die Rechnung ohne den Zug im Zug gemacht: im Abteil war es einfach bitter kalt. Vielleicht war ich auch vorher schon etwas angeschlagen, war auch mit Klamotten etwas sparsam gewesen, jedenfalls hatte ich schon vor Landeck Halsweh. Das wurde auch beim reichhaltigen Abendessen beim Thailänder nicht besser. Als ich morgens vor dem Rennen aufwachte, sah es draussen zwar wie durch Zauberei erstaunlich schön aus, mir selbst aber ging es gar nicht gut. Nachts hatte ich sogar leichtes Fieber gehabt. Sollte ich in dem Zustand wirklich Radrennen fahren? Und das bis auf 2750 Meter Höhe?

Auf zum Rennen

Als wir uns mit dem Rad die 18 km zum Start des Rennens in Ried aufmachen, bin ich immer noch unentschlossen. Ich will erst vor Ort entscheiden, ob ich tatsächlich antrete; bis dorthin transportiere ich jedenfalls im Beutel vom letzten Jahr warme Sache für Reni und mich zum Start. Notfalls lasse ich Reni alleine fahren und bringe das Zeug dann zur Gemeindehalle, wo später die Siegerehrung stattfinden soll. Schon unterwegs merke ich, dass von meiner guten Form nichts übrig ist; selbst bei langsamem Tempo geht der Puls ungewöhnlich hoch, ich schwitze und friere zugleich.

In Ried fahren wir am sich auf der Rolle warmfahrenden Andreas Traxl vorbei. Ringsum braungebrannte Rennfahrer. Soll ich nicht doch...? Mittlerweile scheint richtig die Sonne, es ist warm. Ich hole die Startnummer ab. Ich kann ja erst mal mitfahren, wenn ich merke, dass es nicht geht, muss ich halt umkehren...

... und Start

Wie gewohnt stelle ich mich vorne auf, wo praktisch nur die Starter aus der (erstmalig getrennt ausgeschriebenen) Elite/Profiklasse stehen. Es gibt eine kurze neutralisierte Phase aus dem Ort raus und über einen kleinen Hügel ins Kaunertal. Es wird zwar entgegen der Ankündigung des Sprechers nicht mit 25, sondern 38 km/h hinter dem Führungsauto gefahren, aber das geht noch ganz gut. Nach der Freigabe wird es nicht wesentlich schneller, ich habe keine Probleme in 2. oder 3. Position zu fahren, auch wenn der Puls meistens recht hoch ist. Die ersten kleinen Anstiege sind dann schon recht anstrengend, bereits jetzt komme ich in den Spitzenbereich. Ansonsten ist alles wie immer: es ist noch eine ziemlich große Gruppe zusammen, auf den flacheren Teilstücken forciert keiner das Tempo, vorne wird teilweise sogar geplaudert. Traxl fährt mal kurz neben einen Kumpel an der Spitze, wechselt ein paar Worte und kuschelt sich dann mit den Worten "Hinten ist doch angenehmer" wieder in 4. Position. Mich macht das enge Fahren ja immer etwas nervös, ich probiere es auch mal ganz vorne und bin den andern dann sofort zu schnell, keiner will mich ablösen. Also zurück in die 2er-Reihe und warten auf den ersten richtigen Anstieg.

Bis zur Mautstelle hinter Feichten tut sich noch nicht viel, ich fühle mich zwar nicht besonders, kann aber relativ leicht mithalten. Sonst attackierte Traxl hier immer schon, vielleicht ist er dieses Jahr nicht ganz so selbstsicher, dass er seine Gegner so früh schon zermürben kann. Doch dann kommt der sehr steile Anstieg zur Staumauer, und hier beginnen die Spielchen – allerdings initiiert auch von einem anderen Fahrer (Hans-Peter Obwaller, Ö-Meister Zeitfahren 2005, wie ich später erfahre). Ich habe zwar gar nicht das Gefühl, dass das Tempo so sehr anzieht, die Beine sind auch noch einigermaßen okay, aber die Pulswerte schießen auf 180-195, und ich kriege Probleme mit dem Atem. Mehr ist nicht drin. Mit Ach und Krach komme ich mit einer Riesenanstrengung gerade wieder so an den "Schwanz" der Gruppe ran. Wenn ich jetzt schon keine Reserven mehr habe, ist es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis ich das nicht mehr schaffe. Hoffentlich merkt keiner, dass ich jetzt schon am Limit bin!

Am See

Immerhin, die Gruppe ist mittlerweile auf rund 10 Mann reduziert. Ich habe zwar keine Zweifel, dass ich bald rausbröseln werde, aber 10. Platz wäre bei meinem Zustand mehr als okay. Leider wird jetzt getrödelt, warum weiss ich nicht, und so trudeln nach und nach etliche abgehängte Fahrer wieder ein. Auf den flachen 8 km am See kämpfe ich dafür mit den üblichen Schwierigkeiten, trotz gemäßigten Tempos nicht immer weiter nach hinten zu wandern. Wir fahren 2er-Reihe, die Straße ist leicht gewunden, links ist die Felswand, rechts Eisengeländer zum See hin; hinter Kurven tauchen öfter mal Autos auf. Ich traue mich nicht an der Reihe vorbei, im Gegensatz zu riskanteren Zeitgenossen, die eng an den Geländern vorbei sich durchdrängeln.

Nochmal eine leichte Abfahrt, vor der ich etwas Angst hatte: vor 2 Jahren raste ich da mit einem andern halsbrecherisch runter. Diesmal ist das Tempo okay, trotzdem bin ich jetzt – was ich vermeiden wollte – am Ende der etwa 20 Mann, die zusammen den steilen "Schlussanstieg" in Angriff nehmen.

Sofort bekomme ich Probleme. War das schon immer so verdammt steil? In meiner Panik schaffe ich es nicht, die Kette vom großen auf's kleine Blatt zu bringen. Liegt das an der neuen SRAM-Schaltung, oder drücke ich einfach zu fest am Hebel, so dass die Kette immer wieder oben landet? Endlich klappt es, nachdem schon eine erkleckliche Lücke entstanden ist. Tatsächlich bleibe ich irgendwie dran bis zum "Gepatschhaus", wo es nochmal ein kleines Flachstück gibt. Letztes Jahr hatte ich das vergessen und vorher den Anschluss leichtfertig verloren, was mich dort gegen den Wind etliche Sekunden gekostet hat. Diesmal will ich das auf alle Fälle vermeiden, bleibe aus Vorsicht auf dem kleinen Blatt, aber es hilft nichts: sobald es dahinter dann endgültig hoch geht, bin ich doch weg. So wie mir ist es zuvor schon einigen andern gegangen, u.a. auch einem Teamkollegen von Traxl, der kurz darauf hinten in der offenen Heckklappe eines Autos an mir vorbeigefahren wird und nicht sehr gut aussieht. Erinnert mich an Das Große Rennen von Belleville, wo auf ähnliche Weise die liegengebliebenen Fahrer der Tour aufgelesen werden... Etliche Begleitautos (sind die nicht eigentlich verboten?) fahren jetzt vorbei zu den Führenden hin, es gibt in einer Kehre einen kleinen Stau, ich muss mich zwischen den Autos durchwursteln und werde voller Abgase geblasen. "Kann euer Andi nicht alleine radfahren?" schreie ich den Fahrer des groß mit "andreastraxl.com" beschrifteten Autos an, der auch nicht an den andern vorbeikommt und mich deswegen fast einklemmt, aber der sieht mich nur verständnislos an. Kann sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen, dass hier jemand ohne Begleitschutz hochfährt.

Schmerz lass nach

Ab jetzt gibt es endgültig nur noch einen zähen Kampf gegen Schmerzen in den Beinen, in der Seite – Seitenstechen! Beim Radfahren! Hatte ich noch nie! – und beim Atmen. Der Puls steht wieder wie festgefroren auf 181 Schlägen, eigentlich mörderisch. Sobald ich langsamer fahre, habe ich das Gefühl, dass die 2 oder 3 hinter mir näher kommen – nein, noch mehr Plätze will ich nicht verlieren. Ausserdem ist es sowieso eine Quälerei, ob mit Puls 178 oder 181, und drunter geht er einfach nicht mehr. Zur Entlastung wechsele ich an jeder Kehre in den Wiegetritt einen Gang höher, rund 10 Sekunden steigt der Puls noch höher, bevor ich mich wieder setze (sieht man gut im HAC 4-Mitschrieb neben). Zum ersten Mal benutze ich tatsächlich kurz das 26er-Ritzel, das ich erstmals dabei habe (aber eigentlich nur für die Trainingstouren zwischen Kaunertaler und 3-Länder-Giro gedacht war...), lasse das aber lieber wieder, als ich sehe, wie das Tempo dann runter geht.

Einem Fahrer vor mir komme ich nun doch langsam näher. Zwar tut mir alles weh, aber er keucht noch schlimmer als ich, als er versucht, an mir dran zu bleiben. Wir passieren die Schneegrenze, und prompt fängt auch ein leichter Schneeregen an. Irgendwie habe ich gar nicht mitbekommen, das der Himmel sich seit unserem Start immer mehr zugezogen hat und jetzt definitiv nach Unwetter aussieht. Rund 15 Minuten schnaufen wir zusammen stumm den immer unwirtlicher werdenden Berg hinauf. Erstaunlich, ich bin schon praktisch permanent am Kotzen, keuche bei jeder Pedalumdrehung, aber er japst noch schneller und hält mit, obwohl er vorher allein ja langsamer war. Radrennfahrer sind schon Tiere. Nun gut, ihm geht es jedenfalls noch schlechter als mir, also sollte es kein Problem sein, im Ziel vorne zu sein, auch wenn wir bis dahin zusammen fahren.

Doch als ich mich umdrehe, ist da plötzlich ein weiterer Fahrer von hinten aufgetaucht. Nein, das wird mir jetzt zu viel; wenn der jetzt schon aufholen kann, wird er mich womöglich im Ziel noch übersprinten! Weiss Gott woher ich die Kraft nehme: nach einem Schluck Gel prügele ich mich kurz hinter dem Schild "3 km", auf ca. 2450 m Höhe in einer Kehre in den Wiegetritt, ein paar krampfhafte Umdrehungen auf 34/19, dann wieder im Sitzen 34/21 mit maximalem Druck ins Pedal. Am Puls ändert sich nichts wesentliches, er geht auf 184-186 – ist eh' schon jenseits von Gut und Böse. Die geschätzten 0,2 km/h mehr reichen aus, um meinen Leidensgenossen ganz langsam abzuhängen, was mir fast leid tut. Aber Rennen ist Rennen, und wenn ich oben tot ankomme.

Ich schalte wieder auf's 23er. Wenn ich mich in den jetzt sehr engen Kehren umschaue, sehe ich ihn weiter rund 30-50 m entfernt, der andere ist direkt hinter ihm. Wie er trotz seines beängstigenden Hechelns weiter sein Tempo hält! Hier kann sich jemand wirklich quälen. Sollte ich jetzt überziehen und irgendwann abbauen, kommen mir die beiden todsicher näher.

Mit letzter Kraft ins Ziel

Bei der "1 km"-Marke ist das Bild fast unverändert, vielleicht sind die beiden sogar wieder etwas näher gekommen? Also muss ich nochmals anziehen – eigentlich zu früh. Eine lange, steile Gerade ist noch vor mir, die gar nicht enden will. Nur nicht nachlassen! Die letzte Kurve, ich höre schon den Streckensprecher vor und über mir. Jetzt drehe ich mich lieber nicht mehr um, ich rechne fast damit, dass der andere meinen Leidensgenossen überholt und womöglich noch vorbeisprintet, aber schneller kann ich ohnehin nicht, ich will es gar nicht wissen, was sich hinter mir tut.

Nach 1:53:47 Stunden fahre ich quälend langsam, wie mir scheint, durch den Zielbogen, niemand sprintet vorbei. Der Sprecher sagt meinen Namen und noch irgendwas, aber das Blut pocht so laut in meinen Ohren, dass ich nichts verstehe. Ich falle fast vom Rad, es ist kein Platz zum Ausrollen da. Mein Hals brennt, ein Keuchhusten überfällt mich. Die beiden hinter mir, die vermutlich genauso an ihrer jeweils individuellen Schwelle waren wie ich, kommen 8 und 13 Sekunden nach mir ins Ziel, ich merke nichts davon.

Finis

Ich habe keine Ahnung, welchen Platz ich jetzt tatsächlich habe. Unterwegs sah es mal aus, als seien nur noch 8 oder 9 vor mir, aber da habe ich die ersten wohl übersehen: ich bin Zwölfter, knapp 5 Minuten hinter dem Sieger. Gewonnen hat mal nicht Traxl, sondern besagter Obwaller.

Erstmal aber klaube ich alle Sachen aus meinem Beutel, der schon oben auf mich wartet, und rolle so vermummt mit Unterhemd, Trikot, Langarmtrikot (das hatte ich schon vorher an), Trikotjacke, Windjacke und Regenjacke, Knielingen, langer Laufhose, Überschuhen und langen Handschuhen im Schneetreiben bei 4° den Berg wieder runter – anscheinend als einziger, alle anderen werden von ihren "Betreuern" im Auto runterchauffiert, einige fahren im Bus.

Unterwegs feuere ich noch kurz Reni an, diesmal ist mir aber zu kalt, um noch ein Stück mit ihr zu fahren, ich will so schnell wie möglich nach Feichten ins Gemeindehaus, wo die Siegerehrung stattfinden soll. Ab dem See lässt der Schneeregen nach, es fährt sich halbwegs angenehm, wenn ich jetzt auch mein Halsweh wieder ziemlich spüre. Im Gemeindehaus ist noch fast keiner, ich stelle das Rad in die Halle und gehe mich waschen; als ich zurückkomme, steht ein zweites daneben: Renis. Aha, ist die auch runtergeradelt.

Nein, ist sie nicht; sie wurde mitgenommen. Wie gewohnt schneidet sie heute mal wieder besser ab als ich: 1. in der AK, 2. gesamt bei den Frauen. (Keine Bilder diesmal, für die Kamera war kein Platz mehr im Beutel) Es gab allerdings auch nur 5 Teilnehmerinnen, bei der schlechten Wetztervorhersage. Dafür bekomme ich trotz nur 12. Platz von rund 70 angekommenen Herren einen Umschlag mit 20 Euro in die Hand gedrückt, da es diesmal Preisgelder für die ersten 15 der Eliteklasse gibt. Ich hätte mich alternativ auch wie sonst als "Jedermann" anmelden können und dann mit großem Abstand die restliche Wertung gewonnen, aber das wäre ja albern gewesen. Und 20 Euro sind nicht zu verachten...
Bei der Rückfahrt – das Wetter ist immer noch mies – gibt es dann noch ein kleines Abenteuer: wir nehmen den extra eingerichteten Sonderbus mit Radanhänger zurück nach Landeck; doch der Fahrer hat nicht mit der Baustelle in Ried gerechnet und muss gute 300 m rückwärts durch enge Gassen und um einige Kurven herum mit dem Riesenanhänger rangieren, während uns drinnen die Schweisstropfen auf der Stirn stehen... Und schafft es tatsächlich ohne irgendwie anzuknallen, wofür er sich ein dickes Lob von uns verdient hat.

Die Touren

An Touren war die nächsten 2 Tage erstmal gar nicht zu denken, zum einen lag ich größtenteils mit meiner Erkältung im Bett, zum andern war das Wetter ohnehin fast durchgängig regnerisch.

Aber ab Mittwoch besserte sich beides, so dass Reni und ich doch noch 3 Fahrten machen konnten, zuerst eine kleine Erkundungsfahrt zur Norbertshöhe vor Nauders, dem Schlussstück des Dreiländergiros, dann die Silvrettarunde mit knapp 180 km und 2800 Höhenmetern als Vorbereitung und schließlich noch eine Entlastungstour zum grandiosen Gacher Blick am Piller mit immerhin 930 Hm auf 59 km.

Einen genaueren Bericht der Touren erspare ich allen diesmal, statt dessen gibt's wieder eine kleine Fotoreportage.

Weiter geht's mit dem Dreiländergiro Nauders!

Bildergalerie

Hier die Ergebnislisten

Veranstalter-Bilder vom Rennen

Schöne Beschreibung der Kaunertaler Gletscherstraße mit Bildern bei quaeldich.de

Das Rennen 2007: Vorjahresbericht
Cosmas Lang